68 Fragen, die ein Neu-CTO stellen sollte

Startet man als CTO (oder als “Lead Developer” oder “VP Engineering” oder “IT-Abteilungsleiter” oder …) in einem (Startup-)Unternehmen, dass bereits eine weile Bestand hat, so steht man in aller Regel nicht auf der “grünen Wiese“, sondern sieht sich zunächst einmal mit einer ganzen Reihe von gewachsenen Strukturen, Prozessen und Tools konfrontiert. Ganz im Sinne von Kanban, das eine Evolution zum Besseren einer radikalen Revolution des Status Quo vorzieht, sollte der Neu-CTO zunächst einmal all seine Energie darauf verwenden, die Ausgangssituation genau zu verstehen (übrigens auch dann, wenn er später nicht Kanban, sondern Scrum oder Wasserfall macht :-) ).

Ein paar wichtige Dinge noch vorab, die eigentlich immer Gültigkeit haben, aber besonders auch für Neu-CTOs gelten :

  • In aller Regel setzt ein Unternehmen nicht die aktuellste Technik ein. Auch wenn man also immer gerne sofort “the latest & greatest” einsetzen möchte, so ist dies schlichtweg nicht immer möglich und auch nicht immer sinnvoll. Arrangieren Sie sich zunächst mit dem Status Quo. Wertschätzen Sie die Leistung des Teams und der Organisation, so weit mit den verfügbaren Mitteln gekommen zu sein. Reden Sie nicht am ersten Tag schlecht über die aktuelle Situation. Diese Einstellung bedeutet allerdings auf der anderen auch nicht, dass man einfach damit lebt und nichts zum Besseren verändern will. Natürlich wollen Sie das. Aber eben auf einem positiven Fundament. Sie wollten ja nicht gleich als Miesepeter und Besserwisser gelten.
  • In aller Regel sind die Prozesse in einem Unternehmen nicht ideal. Auch wenn man also immer gerne sofort Alles automatisieren und optimieren will, so ist dies schlichtweg nicht immer möglich und auch nicht immer sinnvoll. Prozesse sind fast nie bewusst “engineered” (und selbst dann ist das ja keine Garantie für Qualität), sondern haben sich im Laufe der Zeit aus der Situation heraus so etabliert.
  • In aller Regel sind die Produkte oder Dienstleistungen, die ein Unternehmen verkauft oder erbringt, nicht optimal. Eigentlich sind Sie das nie. Und wichtig ist insbesondere, dass man die Probleme nicht alle sofort und über Nacht beheben kann. Fast immer gibt es viel mehr Verbesserungsideen, als man direkt umsetzen kann. Auch mit offensichtlichen Problemen müssen Sie also mal eine Weile Leben können. Haben Sie ein wenig Geduld. Gleiches gilt übrigens auch für eingesetzte Tools. Auch die haben immer Ecken und Kanten. Es gibt immer etwas zu Verbessern.
  • Andere Menschen haben andere Ansichten. Etwas, das Sie selbst für verrückt oder falsch halten, es ist es nicht zwangsläufig. Häufig haben Sie nur eine andere Sichtweise und vor allem andere Erfahrungen, die Sie zu diesem Urteil bringen. Seien Sie nicht zu schnell mit dem “in eine Schublade stecken” und verteufeln. In aller Regel existieren Dinge nicht vollkommen ohne Grund. Oftmals ist der eigentlich Grund nur nicht sofort ersichtlich, aber irgendjemand wird sich irgendwann irgendetwas dabei gedacht haben.

So, jetzt aber. Die folgende Aufstellung hat ganz bewusst keinen Anspruch auf Vollständigkeit sondern ist viel mehr mein persönliches “Logbuch“. Schaut man aus einer anderen Brille, so ergeben sich sicherlich zusätzliche oder andere Fragestellungung. Zudem habe ich administrative Themen des “Vorgesetzten-Daseins” nahzu vollständig ausgeklammert.

Team

  • Wer sind die Mitarbeiter im eigenen Team?
  • Wie ist die Aufbauorganisation im eigenen Team?
  • Über welche Kenntnisse und Fertigkeiten verfügen die Mitarbeiter?
  • Welche Rollen sind vorhanden?
  • Sind aktuell Stellen zu besetzen oder sollen Stellen abgebaut werden?

Kontext & Umwelt

  • Wer sind die internen Auftraggeber (Upstream)?
  • Wie genau kommen die Aufträge in meinen Bereich?
  • Für wen agiere ich intern als Auftraggeber (Downstream)?
  • Wie genau stelle ich Aufträge nach “Downstream”?
  • Mit welchen internen Dienstleistern wird zusammengearbeitet? Wie “exklusiv” ist der Zugriff?
  • Mit welchen externen Dienstleistern wird zusammengearbeitet?
  • Welche Vorschriften von öffentlichen Stellen finden Anwendung für den eigenen Bereich / die eigene Tätigkeit?
  • Wie sehen die Eskalationsprozesse aus?

Leistungskatalog

  • Welche Leistung werden von meinem Bereich erbracht?
  • Gibt es definierte SLAs für die Leistungserbringung? Wenn ja, welche?
  • Welche Prozesse zur Leistungserbringung existieren in meinem Bereich? Wer ist beteiligt?
  • Wie gliedern sich die Prozesse des eigenen Bereichs in die übergreifenden Geschäftsprozesse ein? Wie sehen die Geschäftsprozesse von “Ende-zu-Ende” aus?

Systeme, Software & Architekturen

  • Welche Anwendungen / Aspekte werden selbstständig entwickelt und betrieben?
  • Welche Technologien werden dazu eingesetzt?
  • Wie sieht das Domänen Model aus, in dessen Umfeld die Anwendungen eingesetzt werden?
  • Wie sehen die Datenstrukturen aus?
  • Wie und wann werden neuen Versionen released?
  • Welche Verbindungen gibt es zwischen separaten internen  Systemen? Wie sind diese realisiert?
  • Welche externen Systeme (Standardlösungen) werden eingesetzt?
  • Welche Verbindungen zu externen Systemen existieren? Welche Daten werden ausgetauscht, welche Funktionen bereitgestellt?

Tools

  • Für welche Ausfgaben oder Prozesse werden Tools eingesetzt?
  • Welche Tools werden eingesetzt?
  • Wer ist verantwortlich für den Betrieb und die Wartung der einzelnen Tools?
  • Welche Dokumentationssysteme gibt es?
  • Wer ist für Aktualität der in Dokumentationen und Wikis vorgehaltenen Informationen verantwortlich?

IT-Infrastruktur

  • Aus wechen Komponenten / Netzen besteht die Infrastruktur?
  • Für welche Komponten wird die Wartung selbst durchgeführt, wofür Dienstleister eingesetzt?
  • Gibt es Single Points Of Failures (SPOF) in der IT-Infrastruktur? Wenn ja, welche? Wird das Risiko aktuell bewusst eingegangen?
  • Wie schnell kann der Betrieb nach Ausfalls eines SPOFs wieder hergestellt werden?
  • Wo sind aktuell Kapazitätsflaschenhälse?
  • Gibt es eine Test / Staging – Umgebung für Applikationen?
  • Welche Zugangskontrollen sind implementiert?
  • Wie steht es um die “Evergreens”? Datensicherung? Recovery? Security? Wie sind Abläufe, Notfallrufnummern und wer sind die handelnden Personen?

Projekte

  • Welche Projekte werden derzeit bearbeitet?
  • Wie ist in den laufenden Projekten der Status?
  • Welche Projekte sind für die Zukunft geplant? Existiert eine Roadmap?
  • Nach welche Kriterien werden Projekte priorisiert?
  • Von wem werden Projekte priorisiert, wie werden Projekte finanziert?
  • Welche Projekte wurden in der Vergangenheit durchgeführt und wie war deren Ergebnis?

Performance, Finanzen & KPIs

  • Welches Budget ist eingeplant? Wie ist die aktuelle Soll/Ist – Situation?
  • Mit welchen KPIs wird die Qualität und Quantität der Leistung vom zu verantwortenden Unternehmensbereich gemessen?
  • An wen, in welchem Umfang und in welcher Form werden diese KPIs reported?
  • Welche KPIs existieren für andere Unternehmensbereiche und wie wirken sich die eigenen KPIs auf ebenjene aus?

Außenwahrnemung & Kundenzufriedenheit

  • Wie ist die gefühlte Außenwahrnumung des eigenen Bereichs?
  • Wie ist es um die Kundenzufriedenheit Upstream und Downstream bestellt?
  • Welche Situationen, Aussagen oder Probleme sind “typisch” für den eigenen Bereich?

Strategie

  • Welcher Strategie folgt der zu verantwortenden Unternehmensbereich bis dato?
  • Welche Strategie / Taktik wird vom Unternehmen verfolgt?
  • Welche bekannten Probleme und Herausforderungen bestehen aktuell für den Bereich und das Unternehmen?

PS: Mehr zu mir, also dem Autor dieses Artikels, finden Sie hier im Blog auf meinem Profil.

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